Ausgangslage:

Claudio ist ein richtiger Klassenkasper. Ständig macht er Faxen oder plant wilde Streiche. Das Lernen findet er unnötig und überflüssig. Die Lehrperson und die Schulklasse fühlen sich zunehmend durch Claudio gestört. Im klärenden Einzelgespräch mit der Lehrperson verhält sich Claudio aber überraschend anders. Die Lehrperson erlebt ihn hier verschlossen und traurig statt lebendig und aufbrausend. Im anschließenden Elterngespräch wird deutlich, dass die Eltern besorgt sind und nicht mehr weiter wissen.

Hintergrund:

Claudio hat seit einiger Zeit Lernschwierigkeiten. Die Konfrontation mit unbefriedigenden Lernleistungen verunsichert ihn und macht ihn traurig. Claudio erlebt sich als wertlos und dumm. Er bewältigt diese schwierige Situation, indem er die Rolle des Klassenkaspers annimmt. Die Rolle des Klassenkaspers lässt ihn einerseits im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, andererseits kann er sich gegen den Sinn des Lernens auflehnen. Claudio wird im Klassenverband damit zum Rebell, welcher dem Lernen keinen Wert beimisst. Diese Lösung erscheint kurzfristig als gelungen. Claudio muss sich nun nicht mehr dumm und wertlos fühlen. Längerfristig belastet diese Lösung jedoch die Beziehungen mit den Mitschülern sowie der Lehrperson und verhindert ein erfolgreiches Lernen. Claudio nimmt diese negativen Folgen zwar wahr, weiß sich aber nicht anders zu helfen als an seiner Problemlösung festzuhalten.

Lösungsansätze:

Innerhalb einer Beziehung, welche durch Wertschätzung und empathische Zuwendung geprägt ist, könnte sich Claudio als wertvolle und wichtige Person schätzen lernen. Die gleichzeitige Bearbeitung seiner Lernschwierigkeiten ermöglicht ihm einen neuen Zugang zum lustvollen Lernen und für ihn befriedigenden Lernergebnissen. Die Rolle des Klassenkaspers wird Claudio dann ablegen können, wenn er sich wieder als wertvolle und lernkompetente Person erleben kann.

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Ausgangslage:

Vera zeigt große Schwierigkeiten Neues zu erlernen. Das Lernen scheint nur zähflüssig vor sich zu gehen und macht ihr keine Freude. Die Eltern sind über Veras Schulleistungen irritiert und machen die Lehrperson verantwortlich. Die Abklärung durch den zugezogenen Schulpsychologischen Dienst ergibt ein verblüffendes Ergebnis: Vera scheint über ausgesprochen gute Lernkompetenzen zu verfügen.

Hintergrund:

Vera ist das Jüngste von drei Geschwistern. Die zwei deutlich älteren Geschwister sind in ihren Lernleistungen sehr erfolgreich und konkurrieren untereinander. Vera wird von ihren Geschwistern ständig an ihren Schulleistungen gemessen. Zudem sieht sich Vera mit den hohen Erwartungen der Eltern konfrontiert. Diesen hohen Anforderungen kann Vera nicht genügen. Vera erlebt das Lernen als bedrohliche Sache, denn ein Scheitern wird sie vor den Eltern und den Geschwistern als Versagerin erscheinen lassen. Vera entwickelt eine ängstliche Erwartung gegenüber dem Lernen. Die Angst behindert einen persönlich befriedigenden Lernprozess. Ihre Lernkompetenz steht dabei außer Frage. Vera wird durch ihre Angst am Lernen gehindert.

Lösungsansätze:

Die Aufdeckung dieser Zusammenhänge innerhalb einer vertrauensvollen Beziehung ermöglichen ein Handeln. Ein moderiertes Gespräch mit den Eltern, den Geschwistern und Vera macht allen Beteiligten deutlich, wie sie Veras Lernschwierigkeiten mitbedingen. Die längerfristige Begleitung und Beratung der Familie löst deren Fixierung auf Veras Leistung. Vera kann nun in einem entspannten Umfeld wieder Lernen lernen. Die große Herausforderung für Vera wird sein sich von ihrer Angst zu lösen und einen befriedigenden als auch freudvollen Umgang mit dem Lernen zu finden.

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Ausgangslage:

Luc meldet sich selbständig kaum je zu Wort. Er erscheint in der Schule gleichgültig und leblos. Manchmal droht er beinnahe vergessen zu gehen. Luc erledigt seine Hausaufgaben dabei prompt und bewältigt auch Prüfungen zufrieden stellend. Im Elterngespräch zeigen sich die Eltern überrascht, dass ihr Sohn in der Schule so still sein soll. Zu Hause erleben sie Luc als lebhaftes und phantasievolles Kind.

Hintergrund:

Die Gleichgültigkeit und Leblosigkeit von Luc ist Ausdruck seiner Schwierigkeit im Lernen eine sinnvolle Beschäftigung zu sehen. Luc erlebt das Lernen als einseitige Leistungserbringung von schulischen Lernanforderungen. Luc kann seine Lebhaftigkeit und Phantasie beim Lernen nicht einbringen. Das Lernen wird für Luc zum langweiligen und leblosen Geschäft.

Lösungsansätze:

Innerhalb einer gleich-berechtigten Beziehung werden mit Luc zusammen Ansichten, Einstellungen und Bewertungen gegenüber dem Lernen erarbeitet. Das Gegenüber versucht dabei nicht Luc eines Besseren zu belehren. Es geht vielmehr darum zu verstehen, wie Luc Lernen erlebt. Ein solcher Prozess erlaubt es Luc neue Ansichten, Einstellungen und Bewertungen gegenüber dem Lernen zu entwickeln. Luc kann das Lernen dann als sinnstiftende und lebensbejahende Aktivität erfahren, wenn eine Verknüpfung mit persönlich bedeutsamen Inhalten gelingt.

Schlussüberlegungen

Alle drei Beispiele sollen veranschaulichen, dass es sich bei Lernschwierigkeiten nur selten um isolierte Probleme handelt, welche unabhängig von der Persönlichkeit des Lernenden und seinem Umfeld erfasst werden können. Lernschwierigkeiten sind persönlich bedeutsame Bewältigungsversuche und wollen als solche verstanden werden. Die stark beeinträchtigte Lebensfreude und innere Not der Betroffenen macht aber auch deutlich, dass es geeignetere Lösungen zur Bewältigung der Lernschwierigkeiten gibt. Es bedarf eines ganzheitlichen Blicks auf den Lernenden und seine Lebenswelt. Erst das einfühlende Verständnis innerhalb einer tragfähigen Beziehung schafft die Basis für dauerhafte Veränderungen. Der Aufbau einer solchen Beziehung und die entsprechende Fachkompetenz sind die wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgsversprechende Hilfestellung bei Lernschwierigkeiten.